Wer Raiffeisen hört, denkt primär an eine solide, in seiner Region tief verankerte Genossenschaftsbank. Das hat sich schlagartig geändert, seit die FINMA den langjährigen Chef von Raiffeisen Schweiz ins Visier genommen hat.

 

von Maximilian Reimann

Auf dass es eingangs aber schon klar gesagt ist: Wegen den Turbulenzen an der Spitze der Raiffeisen-Zentrale in St.Gallen ist weder ein Bankkonto noch ein Anlagedepot bei einer der 255 eigenständigen Raiffeisenbanken einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Ebenso sei daran erinnert, dass bei jeder Bank mit Sitz in der Schweiz Kunden-Einlagen bis zu 100‘000 Franken pro Person staatsgeschützt sind und Depotwerte stets im Eigentum des Kunden verbleiben. Aber das Image von Raiffeisen Schweiz hat durch die Machenschaften an der Verbandsspitze bereits offenkundigen Schaden genommen.

Interessenkonflikte und fragwürdige Beteiligungen

Natürlich gilt auch in vorliegendem Fall bis zum Beweis des Gegenteils die Unschuldsvermutung. Aber wenn schon die gestrenge schweizerische Finanzmarkt-Aufsichtsbehörde FINMA offiziell bestätigt, ein sog. Enforcement-Verfahren nicht nur gegen die Bank, sondern gezielt auch gegen ihren langjährigen CEO Pierin Vincenz eröffnet zu haben, dann dürfte es durchaus um schwere Verletzung von Aufsichtsrecht, Interessenkonflikte bis hin zu Insidergeschäften gehen.

Unter Führung von Vincenz (1999 – 2015) hat sich die Raiffeisen-Gruppe einerseits stark entwickelt und sich zur schlagkräftigen Nr. 3 auf dem Finanzplatz Schweiz entwickelt. Dabei profitierte sie auch vom UBS-Debakel von 2008/09 sowie vom schlechten Image, dass sich die Grossbanken wegen der Boni-Abzockerei auf den Chefetagen in breiten Volkskreisen zugezogen haben. Andererseits ist Vincenz dieser Erfolg aber offensichtlich derart zu Kopf gestiegen, dass er die Zentrale in St.Gallen in eine Welt hinein manövrierte, die näher bei Grossbank-Gehabe als beim traditionellen Raiffeisen-Genossenschaftsgeist zu situieren ist.

Wie weiter bei Helvetia-Versicherung?

Mit „Grossbank-Gehabe“ meine ich die Übernahme von und Beteiligungen an anderen Finanzunternehmen in Höhe von rund einer Milliarde Franken, angeführt von der Übernahme der Privatbanken Wegelin in St.Gallen und La Roche in Basel und deren Umfirmierung in Notenstein, sowie Grossbeteiligungen am börsenkotierten Finanzdienstleiter Leonteq oder an der Beteiligungsgesellschaft Investnet AG. Zwar floriert nicht alles, was da übernommen wurde, doch ob das der Hauptgrund war, warum sich Vincenz vor zwei Jahren von Raiffeisen verabschiedet hatte und ins VR-Präsidium der Helvetia-Versicherung hinüber wechselte, darüber wird in der Finanzbranche derzeit heftig diskutiert.

Nicht auszuschliessen, dass ein Interessenkonflikt zwischen Helvetia und Investnet, an der Vincenz persönlich noch namhaft beteiligt ist, auch da noch bald zu personellen Veränderungen führen wird. Zudem hält man es in der Finanzbranche für anstössig bzw. Compliance-widrig, dass Vincenz die Führungs- und Verantwortungsebenen von Raiffeisen, Notenstein, Helvetia usw. zu sehr mit Leuten seiner Wahl besetzt hatte. Man mag gespannt sein, zu welchen Schlussfolgerungen dereinst die FINMA kommen wird.

 

 

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