Kapitalbezug oder Rente, das will in jedem Einzelfall gründlich überlegt sein. Schliesslich spart man nicht ein Berufsleben lang für die Altersvorsorge und kassiert dann rasch happige Verluste an der Börse.

von Maximilian Reimann

Das sagte sich auch ein angehender Rentner, der sich glücklich wähnte, über ein Pensionskassen-Guthaben von rund 500‘000 Franken zu verfügen. Er entschied sich für den Bezug des Kapitals und liess sich von seiner Bank beraten, wie er es am besten anlegen soll. Schon ein Jahr später landete die Geschichte beim Schweizer Bankenombudsman und der beschreibt sie in seinem neuen Jahresbericht 2011 recht ausführlich.

Anlegerprofil: Moderates Risiko
Wer sich für den Rentenbezug entscheidet, der weiss so ziemlich genau, was monatlich für den Rest des Lebens auf ihn wartet. Wer das Kapital bezieht, der lässt sich in der Regel zunächst ein persönliches Risikoprofil erstellen und erarbeitet dann zusammen mit der Bank seine Anlagestrategie.

In vorliegendem Fall resultierte eine „mässige Risikoneigung“. Das jedenfalls war die Erkenntnis der Bank, nachdem sie mit dem Kunden einen standardisierten Test durchgeführt hatte, der aus einer Serie von Fragen bestand. Angelehnt an dieses Risikoprofil empfahl die Bank eine „einkommensorientierte Anlagestrategie“, die auf folgenden Positionen basierte:

  • 20 % Cash
  • 50 % CHF-Obligationen
  • 15 % EUR-Obligationen
  • 15 % aktienbasierte strukturierte Produkte.

Auf den ersten Blick zweifellos eine taugliche Strategie, prima vista ohne grössere Risiken und mit einer durchschnittlichen Renditeerwartung von etwa 3 % und Jahr. Aber es kam anders. Finanz- und Anlagemärkte entwickeln sich eben oft nicht so, wie man es gerne hätte!

10 % Verlust nach einem Jahr
Das Ganze spielte sich in den Jahren 2010/2011 ab, und zwar unmittelbar bevor der Euro zu seinem markanten Kurssturz angesetzt hatte. In die gleiche Phase hinein büssten auch die Aktienmärkte nochmals deutlich Terrain ein. Somit verlor der Kunde bei 2 Kategorien, einerseits rund 20 % auf den EUR-Positionen; andererseits durchbrachen die strukturierten Produkte ihre Barrieren und wurden mit Aktien zu schlechten Kursen zurückbezahlt. Allein der Depotverlust belief sich auf 10 %. Bank- und Börsenspesen schmälerten die negative Performance noch zusätzlich.

Einer erwarteten Einnahme von rund 15‘000 Franken stand nun ein Verlust von rund 50‘000 Franken gegenüber. Das war nicht das, was sich der Kunde als „einkommensorientiert“ vorgestellt hatte. Er fühlte sich von der Bank miserabel beraten. Insbesondere warf er ihr Versagen bei der Ermittlung seines Anleger- und Risikoprofils vor. Der Streit landete beim Ombudsman und dieser kam, nach eingehender Anhörung beider Seiten, zu dieser Schlussfolgerung: Der Bank kann kein Vorwurf gemacht werden. Der Kunde war bereit, ein moderates Risiko einzugehen. Eine Marktentwicklung, wie sie eingetreten war, wurde somit in Kauf genommen.

Ombudsman-Akzeptanzquote bei 91 %
Bekanntlich verkörpert der Bankenombudsman kein Gericht, sondern er ist lediglich eine Schlichtungsinstanz. Er analysiert einen Streitfall zwischen Bank und Kunde, hört sich beide Seiten an und richtet dann eine Empfehlung an die involvierte Bank. Im Berichtsjahr 2011 hatte er sich mit gut 900 Fällen zu befassen gehabt. Die daraus resultierenden Vermittlungsvorschläge wurden zu 91 % von den Banken akzeptiert. Ist ein Kunde damit nicht einverstanden, kann er den oft beschwerlichen und teuren Rechtsweg beschreiten.

Damit hat sich die Lage gegenüber dem Krisenjahr 2009 deutlich beruhigt. Damals wurde der Ombudsman mit nicht weniger als 2‘850 Streitfällen eingedeckt. Ein grosser Teil davon resultierte aus massiven Verlusten mit Lehman-Brothers-Papieren sowie mit vielen von den Anlegern als sicher geglaubten Absolute-Return-Produkten. Die Akzeptanzquote sackte damals auf recht tiefe 73 % ab.

12.07.2012 | 3057 Aufrufe

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