Erst noch beklagten sich viele deutsche Grenzstädte über Massen von Schweizern, die sich abends und an Samstagen längst nicht mehr nur auf Schnäppchenjagd machten. Zunehmend kauften Schweizer auch Produkte des täglichen Bedarfs rasch ennet der Grenze. Die Stimmung hat umgeschlagen. Jetzt bleiben die Schweizer plötzlich weg. Auf Spurensuche.

von Roman Jäggi, Inhaber soaktuell.ch

Olaf Kather, Geschäftsführer des Handelsverbands Südbaden, sagte in der «Badischen Zeitung», dass zwar viele Händler in Deutschland mit den Einkaufstouristen nach wie vor gute Geschäfte machten. Doch 42 Prozent der Händler in Südbaden beklagten seit dem Frühling 2017 rückläufige Umsätze. Der Schweizer Franken schwächte sich erst nachher ab. Es muss also noch andere Gründe dafür geben. 

«Gerade in diesem Sommer hat es eine spürbare Reduzierung der Umsätze mit Schweizern gegeben», sagt auch Bernd Dallmann, Geschäftsführer der freiburgischen Wirtschaft und Tourismusförderung, zu «Radio SRF». Noch keinen Umsatzeinbruch spüre man angeblich in Weil am Rhein (Foto: Rhein-Center) , direkt an der Grenze. Allerdings stagniere der Schweizer Umsatz, der Höhepunkt sei erreicht, gar überschritten.

Es gibt wahrscheinlich vier Gründe, die in Kombination zu einem starken Rückgang des Einkaufstourismus führen.

1. Die Schweizer Händler haben in den letzten drei Jahren ihre Preise leicht gesenkt. Damit wurde Einkaufen in der Schweiz wieder attraktiver.

2. Die deutschen Händler haben ihre Preise in Grenznähe gerade im Jahr 2016 spürbar angehoben, nicht zuletzt wegen der grossen Nachfrage aus der Schweiz. Dies bestätigen auch eigene Recherchen. Das passierte übrigens nicht nur in den Einkaufszentren, sondern auch in Online-Shops wie Amazon, Zalando & Co. 

In Kombination wirken diese beiden Entwicklungen natürlich bremsend auf den Einkaufstourismus. Hinzu kommen aber noch:

3. Der schwache Schweizer Franken. Seit Mitte Juni hat sich der Franken gegenüber dem Euro abgeschwächt. Notierte der Euro-Franken-Kurs damals bei knapp 1.09, steht er aktuell bei rund 1.15. Tendenz: Der Franken wird gegenüber dem Euro weiterhin schwächer. 

4. Die unerträglichen Staus auf den Autobahnen in Richtung Deutschland und an den Grenzübergängen. Da geht rasch ein ganzer Samstag für einen Einkauf in Deutschland drauf. Und das wiederum nimmt Herr und Frau Schweizer nur in Kauf, wenn es sich wirklich lohnt. 

Alle vier Gründe zusammen werden zu einem starken Rückgang des Einkaufstourismus führen, vor allem dann, wenn sich der Schweizer Franken Richtung 1.25 bewegen sollte. Hinzu kommen Bemühungen auf politischer Ebene in der Schweiz, die Einfuhr-Freigrenze für Waren von heute 300 Franken pro Person auf 50 Franken pro Person zu senken. 

Schweizerinnen und Schweizer kauften 2016 für rund zehn Milliarden Franken im Ausland ein. Das ist nicht unbedeutend. Kurzfristig dem Schwund des Schweizer Einkaufstourismus entgegen wirken können deutsche Händler und Online-Shops wie Amazon oder Zalando nur, wenn sie die Preise happig senken. Das muss aber schnell geschehen. Denn jetzt passiert das gleiche, was vor drei Jahren eingesetzt hat - aber in entgegengesetzte Richtung. Gewöhnt sich ein Schweizer nämlich wieder an den Einkauf in der Schweiz, ist er für deutsche Händler nur noch schwer wieder zu gewinnen. 

 

Foto: Archiv soaktuell.ch

 

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