Wenn man eine Operette von Emmerich Kálmán zur Aufführung bringen will, steht man wohl jedesmal vor denselben Problemen: 1. Das Stück ist zu lang, denn zu Zeiten der Uraufführung dauerten die Vorstellungen mindestens 4 Stunden, manchmal sogar 6, da jede Musiknummer einen Nachtanz hat, und fast jede Nummer wiederholt werden musste, ganz abgesehen von den Einlagen für diesen oder jenen Publikumsliebling. 2. Die Musik ist so üppig orchestriert, dass eigentlich nur sogenannte „Wagnerstimmen“ die Chance haben, mühelos über den Orchestergraben klingen zu können. 3. Das wunderbare musikalische Material wiederholt sich oft, es gibt kaum Ensembles und in den Duetten findet sich keine Zweistimmigkeit.

von Roman Baschung

Und dennoch, auch im Falle der „Gräfin Mariza“ sind die Musik und die verwickelte Handlung so schlecht nicht, wie der sogenannte seichte Ruf der Operette vermuten lassen. Die Geschichten bei Kálmán entwickeln sich vielschichtig, und die Qualität des Musikalischen steht ausser jedem Zweifel. Was kann man also tun, wenn man ein solches Stück auf die Bühne bringen will? Entweder kürzt man bis zur Unverständlichkeit (was ein paar schweizerische Bühnen in den letzten Jahren versucht haben), oder man lässt sich auf das Ganze ein, auf die immer wiederkehrenden musikalischen Versatzstücke und auf die sich in Ruhe entwickelnde Geschichte.

Es ist also fast schon eine Provokation für unsere ach so schnelllebige Wirklichkeit, wenn eine Aufführung sich Zeit nimmt, eine Geschichte zu erzählen, wenn Figuren sich entwickeln können, und wenn man als Zuschauer gebeten wird, sich auf diese Entschleunigung einzulassen. Bei der Operette Möriken-Wildegg kann man diese Besonderheiten alle aus Schönste erleben, wenn man eine Aufführung der „Gräfin Mariza“ besucht.

Ich sah also gerade die 2. Vorstellung dieser aktuellen Neuproduktion, die zum 90jährigen Jubiläum des Vereins auf die Bühne gebracht worden ist. Wie in den vergangenen Jahren zeichnet dasselbe Team für die sehenswerte Aufführung verantwortlich. Und wie immer gibt es neben einem attraktiven Bühnenbild, üppigen Kostümen und dem souveränen Dirigat eine liebevolle Inszenierung mit vielen Details, die man beim ersten Ansehen kaum alle mitbekommen kann.

Ist zum Beispiel Komtesse Lisa in der originalen Version ohne erkennbaren Grund immer zu spät oder garnicht bei Ensembles und Finali auf der Bühne, darf sie in dieser Aufführung von Anfang an dabei sein. Aber aus fein gestalteten Gründen verpasst sie manchmal etwas, so dass es dann zum Text wieder stimmt. - Oder die Rosen, die bei der überraschenden Tabarin-Attacke der Gesellschaft um Mariza geworfen werden: Sie werden nicht einfach liegen-gelassen, sondern liebevoll auf die Kabarett-Tische arrangiert, so dass sie Tassilo später als Liebesgabe für Mariza dienen können. - Und dann sind da noch die grünen Strümpfe von Baron Zsupán. Im ersten Akt erscheint er in ungarischer Tracht, rot-weiss-grün wie auch sein Blumensträusschen. Im zweiten Akt trägt er eine weisse Smokingjacke samt roter Fliege und Kummerbund. Und dann schauen da manchmal grüne Strümpfe unter den Hosenbeinen hervor – ein konsequenter Mann, der eben immer Nationalfarben trägt.

Neben solch reizenden Details wird aber von Regisseur Thomas Dietrich auch eine verständliche Geschichte erzählt. Und die handelt vom unverschuldet verarmten Grafen Tassilo, der sich als Gutsverwalter verdingt, um für seine nichtsahnende Schwester eine standesgemässe Mitgift zu verdienen. Das Gut, auf dem er arbeitet, gehört der Gräfin Mariza, die sich im Laufe des Abends ebenso in ihn verliebt wie er in sie. Doch Stolz und Vorurteil sorgen für Verwicklungen und Verwirrungen, bis am Ende gleich drei glückliche Paare sich gefunden haben. Dieser Tassilo wird von Raimund Wiederkehr verkörpert, gesungen und gelebt, mit dem nötigen Schmelz in der Stimme, der strahlenden Höhe und seiner grossen Spielfreude. Es ist eine gute Angewohnheit der Operettenbühne Möriken, bewährte Kräfte wiederzuholen. Denn auch Andrea Hofstetter als Mariza kann dort auf mehrere Produktionen bereits zurückblicken. Und mit der Gestaltung der lebensfrohen und überdrehten Gräfin fügt sie in jeder Hinsicht einen weiteren Höhepunkt ihres Könnens in ihre Vita. Das Zusammenspiel der beiden Hauptfiguren zeigt viele kleine Nuancen, die das Hinschauen nie langweilig machen.

Auch die weiteren Protagonisten sind gute Bekannte auf der Operettenbühne nahe Aarau. Anna Gössi und Jan-Martin Mächler als Tassilos Schwester Komtesse Lisa und als unvermuteter Bräutigam Kolomán Zsupán aus Varaždin sind ein herrliches Buffo-Paar, das neben Slapstick und schönem Gesang auch nachdenkliche Momente zu bieten hat. Niklaus Rüegg verkörpert einen herrlich polternden Fürsten Moritz Dragomir Populescu. Dass auch er sein Glück findet, ist ein feiner Dreh dieser Inszenierung. So findet er in Tassilos Tante, der Fürstin Božena Guddenstein zu Clumetz, seine grosse Liebe wieder, die von Helene Brügmann mit der nötigen Herablassung und viel Noblesse oblige gespielt wird. Ihr zur Seite steht der treue Diener Penižek, der als ehemaliger Theatersouffleur mit Zitaten nur so um sich schmeisst und in Erich Zwahlen einen trefflichen Darsteller findet.

Die gute Besetzung der weiteren Rollen zeigt, dass es eigentlich keine kleinen Rollen gibt, wenn sie gut gespielt und von der Regie nicht vernachlässigt werden. Denn Monica Angelini als geheimnisvoll überzeugende und stimmschöne Zigeunerin Manja, Erwin Heusser als treuer Diener Tschekko, Yves Ulrich als Tassilos Offizierskumpel Karl Stephan, Irene Kirchmeier als Marizas beste Freundin Ilka und und Ali Riza Gültekin als formidabler Zigeunerprimas zeugen von der hohen Qualität, mit der bei der Operette Möriken-Wildegg gespielt wird.

Der klangschöne Chor darf in gleich mehreren Kostümen, die von Max Kaiser mit gewohnter Schönheit gestaltet sind, singen und tanzen und überzeugt wieder einmal mit hohem Niveau. Ihm zur Seite begeistert zu Stückbeginn ein Kinderchor. Die sorgfältig eingestreuten Choreographien von Nora Bichsel sorgen immer wieder für schöne und belebende Momente. Und das Orchester – ja, da gibt es diesmal einen wahrhaft schwelgerischen Streicherteppich. Denn Bruno Leuschner hat die Operette für 24 Streicher und einen Pianisten bearbeitet und leitet somit einen Klangkörper, mit dem sich wahrlich träumen lässt. Lediglich das Bühnenbild von Kristin Osmundsen mit seinen in jedem Akt stehenden Säulen, über deren Sinn man spekulieren darf, kann trotz feiner Details nicht wirklich überzeugen. - Dennoch, einen Besuch der „Gräfin Mariza“ in dieser fabelhaften Aufführung der Operette Möriken-Wildegg sollte man nicht verpassen!

Weitere Aufführungen gibt es noch bis am Samstag, den 3. Dezember, mittwochs, freitags und samstags um 19:30 Uhr und sonntags um 15:00 Uhr im Gemeindesaal Möriken; weitere Informationen unter www.operette.ch.

 

Bild: Mariza auf Konfrontationskurs zu Tassilo, Finale 2. Akt (Foto: Peter Siegrist)

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