Aus dem Alltag eines werdenden Zwillingsvaters 

Da hatten wir sie also, die frohe Botschaft. Wir bekommen Zwillinge. Und was tut ein Schweizer Mann in dieser Situation? Richtig: Zuerst die Platzsituation in den Autos checken.

Kolumne von Roman Jäggi, Gründer der Internet-Zeitung soaktuell.ch

Bild: easywalker.nl

Wenn Zwillinge unterwegs sind, kommen ganz neue Probleme auf uns Männer zu. Ein Beispiel: Im Mazda 3 meiner Frau bringt man auf den Rücksitzen neben dem Kindersitz von Tochter Ilona keine zwei weitere Maxi-Cosi Kinderschalen rein. Die Karre ist zu wenig breit. Besser sieht‘s in meinem Ford S-Max aus. Ein relativ breites Auto – das kommt uns nun zugute. Hier haben auf den Rücksitzen in der ersten Phase ein Kindersitz und zwei Maxi-Cosi oder in der späteren Phase drei Kindersitze nebeneinander gut Platz. Und für zusätzliche Passagiere gibt’s eine dritte Sitzreihe. Alles bestens. Autofrage geklärt. Der S-Max wird künftig für den "Truppentransport" eingesetzt.

Die Kinderwagenfrage

Die zweite grosse Frage, die mich umtrieb, war die Kinderwagenfrage. Der Grundsatzentscheid, ob die Zwillinge hintereinander wie im Kampfjet oder nebeneinander wie im Fiat "Cinquecento" sitzen sollen, war rasch gefällt. Einstimmig waren meine Frau und ich der Meinung, die Kinder sollen nebeneinander sitzen. Die "Cinquecento"-Variante also. Da liegen oder sitzen die Zwillinge nebeneinander. Diese Zwillingskinderwagen sind in etwa so breit wie ein Rollstuhl und kommen durch übliche Türen oder in normale Lifte. Kritisch wie ich nun mal bin, mass ich die Breite unserer Haustüre, um sicher zu sein, dass man da auch wirklich durchkommt. Meine Frau überliess mir die Auswahl des Zwillingskinderwagens. Ihre einzigen Vorgaben: Eine neutrale dunkle Farbe soll es sein und ein Material, das man gut reinigen kann.

Als Technikbegeisterter fielen mir sofort grosse Unterschiede bei den Rädern, der Federung und des Fahrgestells der verschiedenen Modelle auf. Kleine Kunststoffräder kamen für mich nicht in Frage, da wir in und um unseren Wohnort auf dem Land viele schöne Spazierwege auf Kies haben. Also ein Wagen mit Leichmetallrahmen, guter Federung und luftgepumpten Rädern musste her, der nicht zu breit und leicht zusammenklappbar ist.

"McLaren" schied schon in der ersten Runde aus. Die Marke sagte mir zwar spontan zu, der konkrete Kinderwagen dann aber doch nicht. Der Zwillingskinderwagen von "Bugaboo" ist vom Design und von der Verarbeitung her hübsch und kompakt. Als eine Verkäuferin mir aber sagte, dass der Wagen durch die TV-Serie "Sex and the City" bekannt wurde, in der Miranda ihr Baby durch Manhattan gondelte, war das "Schreckgespenst", was "Bugaboo" bedeutet, für mich sowas von gestorben. Ich hasse diese TV-Serie.

Auch der deutsche "Hartan" fiel aus dem Rennen. Der Wagen ist zwar stabil wie ein deutscher Panzer, aber halt doch etwas breiter als andere Modelle. Am Schluss entschieden wir uns für den "Easy Walker Duo". Ein holländisches Produkt, was mir grundsätzlich schon mal sehr sympathisch war. Der Wagen erfüllt alle unsere Anforderungen. Wenn man berücksichtigt, dass fast alles Zubehör im Kaufpreis schon enthalten ist, stimmt auch das Preis-Leistungs-Verhältnis. Gekauft haben wir den Zwillingswagen schliesslich bei einem Unternehmen, welches gelegentlich bei der Internet-Zeitung soaktuell.ch inseriert. Eine Hand wäscht schliesslich die andere. 

Haben Sie übrigens gewusst, dass die Holländer weltweit führend sind im Bau von Kinderwagen und Kinderschalen? So ist auch Maxi-Cosi ein holländisches Produkt. Ich hab’s nicht gewusst. Man lernt nie aus.

Sehnenriss für die Autobahnvignette

Wenn man von der Kotzerei am Anfang absieht, hat meine Frau mit der mittlerweile dreijährigen Tochter Ilona und jetzt auch mit den Zwillingen relativ problemlose Schwangerschaftsverläufe hinter sich. Ihr Erfolgsrezept: Kein Theater machen und die Tagesabläufe so lange wie möglich und so normal wie möglich abwickeln. Aber ab einem bestimmten Punkt sollte jede schwangere Frau nicht mehr so viel Gewicht heben. Und genau da drohte Ungemach.

Im Oktober letzten Jahres haben wir unser Haus für die Zwillinge umgestellt. Kleiderschränke, Betten, Wickelkommoden mussten von einem Zimmer ins andere gezügelt werden.

Zur selben Zeit wickelte meine PR-Agentur den nationalen Abstimmungskampf gegen die 100-Franken-Autobahnvignette ab. Teil des Mandats war unter anderem, dass rund sechs Tonnen Abstimmungs-Werbematerial in den drei Landessprachen über unser Büro lief und so rasch wie möglich den 26 kantonalen Abstimmungskomitees im ganzen Land ausgeliefert werden musste. Mein ganzes Team und beigezogenes Personal, kümmerten sich um den Postversand von Flyern, Plakaten, Heckscheibenklebern, Argumentarien usw. Täglich gingen mehrere Dutzend Pakete auf die Post, denn Werbematerial wurde auch von den Abstimmungskämpfern im ganzen Land direkt bei uns bestellt. 

Ich half mit und kümmerte mich um die grossen Paketen bis 30 Kilo. Im Einzelfall ist das Herumtragen eines 30 Kilo-Pakets kein Problem, selbst für einen ungeübten Bürolisten wie mich nicht. Doch die Menge der in dieser Zeit durch das Umstellen der Möbel und der Päckli-Übung getragenen Lasten, war zu viel für meine bald 50jährige Bizeps-Sehne. Auf einmal gab es einen fürchterlichen Knall. Die Kraft in meinem linken Arm war weg und eine rund 1x1 Meter grosse Schachtel knallte auf den Boden. Diagnose im Kantonsspital Olten: Bizeps-Sehne am linken Unterarm abgerissen.

Wenn man gegen die 50 geht und meint, man sei noch 20

Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Schmerzen, denn es war ein sauberer Abriss der Sehne vom Unterarmknochen. Alle verlorenen Funktionen des linken Arms wurden sofort von anderen Muskeln und Nerven übernommen. Aber mit der Kraftübertragung vom Oberarmmuskel auf den Unterarm war‘s vorbei. Ich konnte nicht einmal mehr die Tochter in den Autositz heben. Eine relativ seltene Verletzung mit grossen Auswirkungen also. Am 11.11., als andere den Fasnachtsbeginn feierten, wurde ich Kunde der Solothurner Spitäler AG. Ich muss sagen, der zuständige Arzt und das Team des Oltner Kantonsspitals haben saubere Arbeit geleistet, mit einer hervorragenden Beratung vor und Betreuung nach der Operation. Note 6.

Danach trug ich sechs Wochen lang eine Schiene. Die Sehne musste schliesslich am Unterarmknochen wieder anwachsen. Glücklicherweise bin ich Rechtshänder. Betroffen war der linke Arm. Ich habe dem Präsidenten des nationalen Komitees gegen die 100-Franken-Vignette gesagt, dass sich mein persönlicher Einsatz "im wahrsten Sinne des Wortes bis aufs Blut" gelohnt habe. Wir haben die Abstimmung gewonnen. Und nur das zählte. Der Rest ist Materialverschleiss, gepaart mit einem Stück Unvernunft. Das kann passieren, wenn man gegen die 50 geht und meint, man sei noch 20. 

Dank Physiotherapie und einer positiven Einstellung ("Shit happens") konnte die Schiene am 23. Dezember als Weihnachtsgeschenk weggelegt werden. Die Bewegungsfähigkeit war rasch wieder da und dank dem Muskelaufbau kommt auch die Kraft wieder in den Arm zurück. Gerade rechtzeitig. Denn seit Januar muss ich bei Lasten, die meine hochschwangere Frau nicht mehr tragen sollte, vermehrt einspringen.

Das Kinderzimmer ist eingerichtet, die Autofrage geklärt, der Zwillingskinderwagen mittlerweile geliefert, der linke Arm wieder gesund und die Vignetten-Abstimmung gewonnen. Die Zwillinge können kommen.

Lesen Sie im Teil 3 der Kolumne "Hilfe, es sind Zwillinge" über die Bandbreite bei Göttis und Gotten vom Unternehmer bis zur Sozialpädagogin und warum man noch nicht ganz sicher sagen kann, ob es ein- oder zweieiige Zwillinge sind.

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