Im Herbst 2015 erschütterte der Dieselskandal «Dieselgate» die Automobilindustrie und kratzte am bisher «sauberen» Image des Selbstzünders – mit Folgen. Lange war der Dieselantrieb in der Schweiz auf dem Vormarsch und konnte durch seinen geringen Treibstoffverbrauch bei den Autokäufern punkten. Jetzt zeigt sich eine dramatische Kehrtwende: Herr und Frau Schweizer haben den Glauben an die Zukunft von Dieselautos verloren. Nur 4,2 Prozent der Befragten gehen nämlich davon aus, dass der Diesel im Jahr 2030 eine führende Rolle spielen wird.

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Der Dieselantrieb steckt in einer existentiellen Krise. Diesen Schluss legt die repräsentative Diesel-Umfrage nahe, die comparis.ch zusammen mit dem Marktforschungsinstitut Innofact Mitte Februar 2017 durchgeführt hat. Wie stark die Diskussion um Dieselgate das Vertrauen in den Selbstzünder wirklich erschüttert hat, das zeigt sich in einer ganzen Reihe kritischer Einschätzungen der Umfrageteilnehmer. Insbesondere der hohe Bekanntheitsgrad von «Dieselgate» unterstreicht die Brisanz des Themas: Fast alle Befragten (90,5 Prozent) sagen, sie hätten schon einmal von der Debatte um Abgasmanipulationen bei Dieselautos gehört.

Jeder Zweite hält Diesel-Fahrverbote auch in der Schweiz für möglich

In den Umfragezeitraum fiel die Nachricht um mögliche Dieselfahrverbote in Deutschland. So hat die Stadtregierung von Stuttgart angekündigt, bereits ab Ende dieses Jahres zu Feinstaubzeiten keine Dieselautos mehr ins Stadtzentrum fahren zu lassen, die nicht die jüngste Dieselabgasnorm Euro 6 erfüllen – also alle Fahrzeuge, die vor 2015 gebaut wurden. Das kann für viele Diesel-Pendler einen starken Wertverlust ihres Autos bedeuten. Wenig erstaunlich deshalb, dass auch Schweizer Autofahrer solche Verbote befürchten – selbst wenn es in der Schweiz noch keine konkreten Pläne für entsprechende Massnahmen gibt.

Auf die Frage «meinen Sie, dass Fahrverbote für Dieselfahrzeuge auch in der Schweiz ausgesprochen werden könnten» gibt jeder Zweite (50,4 Prozent) an, ein solches Verbot sei «eher oder sehr wahrscheinlich». Auffallend: Nirgends rechnen mehr Umfrageteilnehmer mit einem möglichen Fahrverbot für Dieselfahrzeugen als in der Westschweiz, wo sich über 60 Prozent auf eine solche Massnahme einstellen.

Vorher-Nachher: Sympathie-Werte des Diesels halbiert

Die seit 2015 andauernde negative Berichterstattung zum Diesel wirkt sich auch auf die Sympathie-Werte dieser Antriebsart aus. So stufen heute nur noch 17 Prozent der Umfrageteilnehmer Dieselautos als «eher sympathisch» ein (vor der Dieselaffäre: 31,5 Prozent). Harry H. Meier, Auto-Experte bei comparis.ch analysiert: «Dieselautos sind seit Bekanntwerden von «Dieselgate» einem permanenten medialen Kreuzfeuer ausgesetzt. Da erstaunt es wenig, dass auch Schweizer Autofahrer stark verunsichert sind».

Und trotzdem: Per Ende 2016 lag der Marktanteil von Dieselfahrzeugen nur 1,2 Prozent unter dem Vorjahreswert, wie die Branchenvereinigung Auto-Schweiz in ihrer Jahresstatistik ausweist. Meier: «Einmal mehr zeigt sich, wie Wahrnehmung und Realität auseinanderklaffen können. Geht es um den tatsächlichen Kauf, entscheidet das Portemonnaie. Und da punktet der Diesel bei vielen Autofahrern nach wie vor mit seinem geringen Kraftstoffverbrauch».

Schweizer rechnen mit schlechtem Wiederverkaufswert für Dieselautos

Dass sich aber auch hier eine Kehrtwende abzeichnen könnte, darauf deuten die Einschätzungen der Befragten hinsichtlich des erwarteten Wiederverkaufswertes hin. Mehr als jeder Zweite (51,6 Prozent) hat demnach Angst, für sein Diesel-Auto bei einem allfälligen Verkauf weniger zu erhalten, als dies noch vor der Affäre der Fall gewesen wäre. Diese Angst scheint nicht ganz unbegründet: Jeder Dritte (34,1 Prozent) gibt nämlich an, seit «Dieselgate» weniger für ein Dieselauto bezahlen zu wollen und nur 39,3 Prozent sind bereit, für ein solches Fahrzeug gleich tief in die Tasche zu greifen wie davor.

Konkret auf die vermeintlichen Abgasmanipulationen angesprochen zeigt sich ein deutliches Bild: zwei von drei Personen (62,4 Prozent) sind davon überzeugt, dass Abgasmanipulationen bei allen Herstellern vorkommen.

 

Symbolbild von Gabi Eder / pixelio.de

28.02.2017 | 1617 Aufrufe