Bestimmte Medien berichten von einem Abflauen des Einkaufstourismus und reden von einer Trendwende. Das ist Wunschdenken. Der Einkaufstourismus wird zunehmen - weil die Konsumentinnen und Konsumenten von Coop und Migros faktisch dazu gezwungen werden, im Ausland einzukaufen. Aber auch wegen dem Online-Shopping. Auch eine tiefere Freigrenze oder die Belastung der Schweizer Mehrwertsteuer werden daran nichts ändern. Migros, Coop und Manor sollten nicht den Einkaufstourismus weniger attraktiv, sondern sich selber attraktiver machen.

von Martina Gloor

Die Detaillisten, allen voran Coop und Migros, haben seit 2015 die Preise vereinzelt nach unten angepasst. Diese leichten Preissenkungen hängen aber hauptsächlich mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar 2015 zusammen. Sie sind zudem oft nur temporär und als Werbeaktionen zu werten, bei denen es nicht um grosse Preissprünge nach unten geht.

Noch immer haben Coop und Migros die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Anstatt die Preise dauerhaft zu senken und die entsprechenden Kostensenkungen und Sparmassnahmen einzuläuten, versuchen sie mit Lobbying im Bundeshaus Parlamentarier dazu zu bewegen, die Zoll-Freigrenze von 300 Franken pro Person nach unten zu korrigieren oder gar sämtliche Einkäufe im Ausland der Schweizer Mehrwertsteuer zu unterstellen. Sie unternehmen alles, um den Einkaufstourismus weniger attraktiv zu machen und vergessen dabei, sich selber für die Schweizer Kundschaft attraktiver zu machen.  

Das beweist nur eines: Die Grossen wollen die Preise der Produkte nicht wirklich senken. Sie verkaufen den Schweizerinnen und Schweizern Toilettenartikel, Pflegeprodukte, Babyprodukte, Kleider, Schuhe, Haushaltsgeräte oder bestimmte Nahrungsmittel immer noch um teilweise ein Vielfaches teurer als im grenznahen Ausland. Das kommt beim Volk schlecht an. Denn ausgerechnet Coop und Migros kaufen ihrerseits für viele Produkte, die sie selber herstellen, günstigere Rohstoffe aus dem Ausland ein, die es eigentlich auch im Inland gäbe. Oftmals zum Schaden unserer Landwirtschaft. Man kann nicht den Einkaufstourismus verteufeln, wenn man es selber auch tut. 

Ausland schafft mehr Platz für Schweizer Einkaufstouristen

Die Gründe für den leichten Rückgang des Einkaufstourismus sind vor allem die Staus auf der Autobahn Richtung Deutschland und an den Grenzen sowie die langen Schlangen vor den Zollbüros für die MwSt.-Rückerstattung. Während Coop, Migros und Manor über die Politik versuchen, diese Schlangen noch länger zu machen, indem sie die Freigrenze senken oder die im Ausland eingekauften Waren der Schweizer Mehrwertsteuer unterstellen wollen, gibt es im Ausland erste Projekte, mehr Platz für die Schweizer Einkaufstouristen zu schaffen und die Situation mit neuen Einkaufmöglichkeiten wieder zu entschärfen.

Eine Absenkung der Zoll-Freigrenze von 300 Franken Warenwert pro Person bringt nichts. Da tut man sich einfach zusammen oder nimmt zwei oder drei Kinder mit zum Einkaufen - und schon kumuliert sich die tiefere Freigrenze. Zudem würde damit der Aufwand an den Grenzen um ein Mehrfaches zunehmen. Die personellen, baulichen und administrativen Aufwände würden die Steuerzahler ungemein belasten. Und das nur wegen Coop, Migros und Manor? Das können sich viele nicht vorstellen. 

Alle Einkäufe im Ausland der Schweizer Mehrwertsteuer zu unterstellen, entbehrt jeder juristischen Logik. Warum soll man in der Schweiz Steuern bezahlen für etwas, was man im Ausland eingekauft hat und was möglicherweise auch dort produziert wurde? Das ist nicht der Sinn der Mehrwertsteuer. Und selbst wenn man an der Grenze 8 Prozent Mehrwertsteuer für die eingekauften Waren bezahlen müsste, würde sich der Gang ins Ausland wegen den wesentlich günstigeren Produktepreisen, dem Euro-Franken-Währungsgewinn sowie der Rückerstattung der deutschen Mehrwertsteuer und den kostenlosen Parkplätzen immer noch lohnen. 

Postfächer im Ausland, wegen hohen Versandkosten beim Online-Shopping

Kommt hinzu, dass Online-Shopping von Schweizerinnen und Schweizern mit Postfächern im grenznahen Ausland extrem zunimmt. Sie sparen sich zusätzlich noch die exorbitant hohen Versandgebühren in die Schweiz, indem sie die bestellte Ware bei einem Paketdienst ennet der Grenzen abholen. Kommt hinzu, dass Online-Shops wie z.B. Amazon.de immer mehr Waren gar nicht mehr in die Schweiz liefern. Da braucht man ein Postfach in Deutschland. Dies ermöglicht denn auch von Einkäufen in Shops wie etwa lidl.de zu profitieren sowie Flugtickets, Konzerttickets oder Ferienbuchungen wesentlich günstiger über ausländische Portale zu buchen. 

Dieser gesamte Negativtrend für Schweizer Wirtschaft kann mit politischen Massnahmen nicht aufgehalten werden, denn er hat einen Namen: Freie Marktwirtschaft! Wer das beste Produkt zum besten Preis anbietet gewinnt. Migros, Coop und Manor kommen nicht darum herum, endlich abzuspecken und günstiger zu werden. 

Es geht auch anders

Wie man es machen kann, zeigt in der Schweiz etwa Lidl (www.lidl.ch). Eine durchschnittliche Schweizer Familie, die jede Woche einen Grosseinkauf bei Lidl tätigt, hat im Vergleich zum selben Warenkorb von Migros oder Coop, Ende Monat gut und gerne bis zu einem Wocheneinkauf eingespart. Und dann erst noch ohne weitgehenden Verzicht auf Schweizer Markenprodukte. Das belegen Beispiele unserer eigenen Praxis. Natürlich gibts bei Lidl weder Cumulus- noch Superpunkte - aber dafür dauerhaft tiefe Preise. 

 

Symbolbild von Benjamin Thorn / pixelio.de

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