Die Schweizerische Nationalbank (SNB) kann gar nicht anders, als den Aufwertungsdruck auf den Schweizerfranken mittels Negativzinsen zu bekämpfen. Sie ist gemäss Bundesverfassung faktisch dazu verpflichtet.

von Maximilian Reimann

In der Tat, die SNB ist derzeit nicht zu beneiden. Die Verfassung schreibt ihr vor, eine Geld- und Währungspolitik zu betreiben, die dem Gesamtinteresse des Landes dient. In dieser Interessenslage steht die Vollbeschäftigung sehr weit oben. Die Exportwirtschaft als wichtiger Teil der Gesamtwirtschaft kann aber nur gedeihen, wenn sie auch preislich auf internationalem Parkett wettbewerbsfähig ist. Da der Schweizerfranken als Hort der sicheren Anlage gilt, würde uns enorm viel Kapital aus dem Ausland zufliessen, könnte sich die SNB nicht mittels Negativzinsen dagegen wehren. Derzeit beträgt der Negativzins, den die Banken auf ihren Giroguthaben bei der SNB zu entrichten haben, satte 0,75 %.

Abwälzung auf die Privatkundschaft?

Die Frage liegt auf der Hand: Wem wird dieser Negativzins weiter verrechnet und trifft es künftig auch die Konten der Privatkundschaft? Klar ist, dass nur die SNB gesetzlich befugt ist, zwecks Steuerung der Geldmenge Negativzinsen auf Sichtguthaben der Banken zu erheben. Ob und in welcher Form Banken diese Belastung an ihre Kunden weitergeben, ist diesen überlassen. Die meisten Banken tun das ab einem gewissen Freibetrag, d.h. dass bis jetzt nur Grosskunden mit Negativzinsen belastet werden. Dass muss aber nicht so bleiben, wie das Beispiel der in Olten domizilierten Alternativen Bank Schweiz zeigt. Und dies, obwohl diese Bank grundsätzlich gar nicht nach Gewinnmaximierung strebt. Bei anderen Banken wird die Überwälzung von Negativzinsen auf Kleinsparer zumindest nicht mehr ausgeschlossen. Weil das aber mit Imageverlust einhergeht, erhöhen die Banken eher die Gebühren auf Privatkonten oder führen gar solche auf Sparkonten ein. Das fällt weniger auf, ist aber nachvollziehbar, denn im einst blühenden Kreditgeschäft sind die Margen stark geschrumpft.

Altersvorsorge und Krankenkassen ebenfalls betroffen

Zu den von den Negativzinsen direkt betroffenen Grosskunden gehören auch die Pensionskassen einschliesslich derjenigen des Bundes oder des SNB-Personals. Das hat der Bundesrat bereits vor Jahresfrist in seiner Antwort auf die Interpellation „Negativzinsen für Vorsorgeeinrichtungen“ von SP-Nationalrat Jacques-André Maire so bestätigt. Aber auch die Krankenkassen, die stets über hohe Liquidität verfügen müssen, unterliegen der Negativzins-Pflicht. Somit ist – zumindest indirekt – jeder Bürger davon betroffen. Einzig die Girokonten der zentralen Bundesverwaltung sowie der Ausgleichsfonds von AHV, IV und EO kommen weiterhin in den Genuss einer Ausnahmeregelung. Immerhin ein Lichtblick aus Sicht der Steuerzahler: Weil die Negativzinsen von der SNB als Einnahmen verbucht werden, profitieren auch Bund und Kantone via Gewinnausschüttung von diesem „Geldsegen“ unserer Nationalbank.

Dividenden als Alternative zu Zinsen?

Trotzdem, die aktuelle Nullzinspolitik hat natürlich negative Auswirkungen auf die Performance unserer Anlagen, wie insbesondere im Bereich der privaten Ersparnisse oder bei der betrieblichen Altersvorsorge, wo der Umwandlungssatz des BVG-Alterskapitals in die jährliche Pensionskassenrenten erneut abgesenkt werden musste. Deshalb sehen sich private wie institutionelle Anleger mit der Frage konfrontiert, ob sie aus den zunehmend ertragslosen Obligationen vermehrt in dividendenstarke Aktien umsteigen sollen. Ich warne davor, denn mit einer Vermehrung des Aktienanteils in einem Wertschriftendepot erhöht sich auch das Risiko. Viel eher, so rate ich es jedenfalls den vorsichtigen Anlegern an, sollten sie ihre Ertragsziele senken. Lieber auf absehbare Zeit etwas weniger Rendite als mögliche massive Kursverluste! „Hätte ich das doch auch gemacht“, dürfte sich manch ein gebeutelter ASE-Anleger sagen, wenn in 3 Wochen vor Bezirksgericht Laufenburg der Prozess gegen die ASE-Verantwortlichen beginnt. Diese hatten bekanntlich mit hohen Gewinnversprechen viele gutgläubige Anleger ins Verderben gestürzt und ein Loch von 180 Millionen hinterlassen.

Trendwende nicht in Sicht

Stellt sich abschliessend noch die Frage, wie lange diese kuriose Tiefzinspolitik anhalten wird. Diese (bange) Frage stellen sich natürlich auch all jene, die von den tiefen Zinsen profitieren, allen voran die Wohneigentümer mit variabel verzinsten Hypothekardarlehen. Nun, diese Frage wird primär in New York, Frankfurt und Tokio beantwortet, wo die grossen Zentralbanken der USA, EU und Japans residieren. Die Staatsverschuldung ist weltweit nämlich derart riesig, dass Schuldzinserhöhungen rasch zum finanziellen Kollaps vieler Länder führen könnten. Also belässt man die Zinsen so tief als möglich. Die Schweiz ist dank verfassungsmässig verankerter Schuldenbremse ein Lichtblick innerhalb der Staatenwelt. Von den global tiefen Zinsen wird sie sich aber nicht abkoppeln können, im höchst eigenen gesamtwirtschaftlichen Interesse!

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